Ich habe mir diesen Beitrag auf ARTE aufmerksam angesehen.
Es ist mir wichtig zu betonen: Schaut euch diesen Beitrag bitte vorher an. Ohne das Video ist mein Text zwar lesbar und verständlich, aber erst im direkten Abgleich mit den dort getätigten Aussagen bekommt meine Kritik das nötige Gewicht und verschafft euch ein tieferes Verständnis für die Problematik.
Vorwort:
Nach über 48 Jahren (bewusstem) Leben und Überleben mit dieser Neurodivergenz (ADHS) lässt mich das Gezeigte fassungslos und wütend zurück. Was hier als „Debatte“ verkauft wird, geht an der existenziellen Realität von uns Betroffenen oft meilenweit vorbei.
Btw: Ich bin 56 Jahre alt.
Daher habe ich mich entschlossen, diesen Beitrag nicht nur zu kommentieren, sondern ihn Abschnitt für Abschnitt zu zerlegen – und zwar sowohl aus meiner persönlichen Perspektive als auch mit dem nötigen fachlichen, philosophischen und medizinischen Unterbau. Wer ADHS wirklich verstehen will, muss aufhören, in den Kategorien einer „defekten Normalität“ zu denken.
Hier ist meine Analyse oder von mir aus Kommentar zu einem System, das Vielfalt als Störung missversteht, ergänzt um die entsprechenden Fachbezüge und Literaturhinweise für alle, die tiefer graben wollen, als dieser Beitrag es tut:
Ich sehe jetzt schon, es wird ein Rant. Ich bin wütend.
Ich muss da schon nach 1,5 Minuten etwas dazu sagen. Die Frage, ob wir ADHS behandeln, um normal zu sein, oder ob wir unsere Normalität anpassen sollten, ist ehrlich gesagt ein Hohn für jeden, der das hat. Nicht nur für die, die darunter leiden. Das Darunter-Leiden ist der Kern. Nicht, ob normal oder die Normalität. Habt ihr denn wirklich mit einem ADHSler gesprochen?
Wenn es um irgendwas gehen sollte, das uns als Gesellschaft und Betroffene weiterbringt, dann wäre es, den Begriff von „normal“ in unseren Köpfen zu streichen. Klar, das geht nicht, aber das muss die Richtung für uns alle sein. Sowohl beim Betroffenen, wenn er leidet oder das Level so ultimativ hoch ist, dass Abschottung die einzige Möglichkeit ist, muss das von dem Betroffenen kommen und nicht von jemandem oder einer Gesellschaft, die glaubt zu wissen, was normal ist. Ich könnte hier schon einen Roman über Missinterpretationen schreiben und die daraus resultierenden Ansätze der Forschung und einer Behandlung oder Nichtbehandlung.
Im Übrigen fand ich den Begriff gut (Moderator: „… das, was häufig ist …“). Ich bin so froh, dass er dieses Wort „häufig“ verwendet hat.
Was aber auch keiner zu fragen wagt, ist: Nach welchen Kriterien entscheiden wir denn, wann etwas ein Teil der natürlichen Variation ist? Das ist ein Satz, der mich im 21. Jahrhundert echt ärgert.
Wer entscheidet das? Bitte nicht Durchschnitt sagen. Niemand kennt den Durchschnitt. Das ist ein mathematischer Begriff, kein Begriff, den man auf das Leben und Existieren anwenden kann.
Ich gebe zu, ich hatte Glück. Ganz ohne Zweifel. Hätte mich meine Mutter in der ersten Klasse nicht vor der Sonderschule (ja, so hießen die wirklich) bewahrt, weil sie unfassbar auf die Barrikaden gestiegen ist, dann wäre ich als ein typisches, völlig falsch diagnostiziertes 70er-Jahre-Kind, schon bevor ich irgendwas lernen kann, zum Idioten abgestempelt worden. 1. Klasse, Leute. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.
OK, ja. Damals wusste man es nicht besser, aber man hat halt trotzdem mal aussortiert, weil man zu doof ist zu bemerken, dass es die Norm bei Menschen nicht gibt. Es gibt eine Norm, bei der man in ein Arbeitsbild passt. Weil man Leistung bringt. Weil man das Leben so führt wie die anderen. Das sind unter anderem die Ursachen für eine solche falsche Betrachtung von Neurodivergenz überhaupt. Da ist einer, der macht die Hausaufgaben nicht, und deswegen ist der neurodivergent. Und ihr könnt mir nicht erzählen, dass das heute großartig anders ist.
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Und ehrlich? Ich weiß nicht. Ist es schwieriger für Menschen mit ADHS, mit Menschen ohne zu kommunizieren? Ich glaube, es ist schwieriger für Menschen ohne ADHS, die mit Menschen kommunizieren, die es haben. Und ups, da hat sich wohl irgendwie jemand berufen gefühlt, dass er es weiß, dass es Menschen mit ADHS gibt. Überraschung! Wer hat das festgesetzt, dass das, was wir als normal bezeichnen, denn die sind ohne ADHS? Kann es nicht sein, dass solche Menschen einfach Äonen voraus sind und die Normalen einfach nur Angst davor haben, dass es einen Schlag Menschen gibt, die schneller sind, weniger Angst haben, eine höhere Risikobereitschaft haben?
Die aufgrund der vielen Gedankengänge der Einschätzung des Risikos nach einfach die klügeren Entscheidungen treffen? Na? Könnte das sein? „Wie begegnen wir dem?“ Diese Frage ist praktisch eine Jobgarantie für Dr. Philipsen. Ohne diese Frage säße Frau Dr. Alexandra Philipsen nicht in diesem Video. Ich als Betroffener macht das in einem gewissen Rahmen wütend. Ehrlich? Was soll diese Frage? Wollen wir auf Biegen und Brechen Urteile fällen für Dinge, die es gar nicht gibt? Nur um eine Einteilung treffen zu können zwischen die und wir? Es fällt mir wirklich schwer, nach 40 Jahren Neurodivergenzforschung immer noch solche Leute an der Speerspitze der Forschung sitzen zu haben. Unfassbar. Sie sagt es auch noch: „Sie trifft im Klinikumfeld vermehrt auf Leute, die damit Schwierigkeiten haben.“ Ach, echt? Welch unfassbarer Erkenntnisgewinn. Da frag ich mich doch: Was hast du denn die letzten 35 Jahre gemacht? Unterm Stein gelebt?
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Na, wer hätte das gedacht? Das sind häufiger Menschen, die mit Drogen experimentiert haben? Really? Glaubt denn wirklich irgendwer, dass die Realität der sogenannten Normalen für jemanden, der richtig ist in der Birne, erträglich wäre ohne Drogen? Ja, ich weiß, sehr plakativ, aber es stimmt halt einfach. Das mag den angeblich Normalen natürlich einen super Spielraum geben, eine Abgrenzung zu schaffen.
Man findet da auch häufig Menschen mit Depressionen? Hat sich schon mal wer die Mühe gemacht und sich die Studienlage zu dieser Fragestellung angesehen? Die haben eine Aussagekraft von einem ein Jahr alten Baumstamm im Wald von 2000-jährigen Bäumen. Ich dreh durch und der Beitrag hat gerade mal ein Drittel hinter sich.
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Uff.
Naja, hab schon Schlimmeres gesehen. Ein bisschen wundert mich es jetzt, dass Frau Dr. Philipsen eine solche Position vertritt. Ich kann mir vorstellen, dass es besser ins Format gepasst hat, wegen Pro und Kontra oder die angeblichen zwei Gegensätze. Das ist halt auch Medienalltag. Das ist auch so ein Thema, an dem ich völlig den Verstand verlieren könnte. Aber sie hätte sich nicht in die Sendung setzen können und die Position nicht vertreten müssen. Die Entscheidung wird sie gehabt haben.
Dass dieses Bild „Der ist halt einfach zu faul“ immer noch in der Wissenschaft verankert ist. Wahnsinn. Ich kann’s einfach nicht mehr hören.
Vanessa ist eine Leidende. Solchen Menschen muss geholfen werden. Gar kein Zweifel. Und mit 28 ist eine solche Diagnose die Hölle. Sie erklärt dir als Mensch, nicht normal zu sein in einer Welt, in der deinem Gefühl nach alle Erfolg und ein Leben haben und du nicht so bist wie sie. Dir fällt nur der Unterschied auf und du leidest deswegen.
Im Flow sein und das Trinken vergessen ist im Übrigen völlig normal. Das geht bestimmt auch „normalen Menschen“ so. Sollten die wissen, was ein Flow ist. Was man da lernen kann, sind Rituale. Und ich weiß, das funktioniert super für einen ADHSler. Das Aufbauen des Rituals ist schwer. Umso weniger Einfluss von außen bei der Entwicklung eines Menschen mit ADHS eine Rolle spielt, umso besser kann er mit sich selbst leben. Ja, nicht immer. Klar. Aber eine Hilfestellung für Menschen mit Neurodivergenz müsste viel inkludierter stattfinden. Die Methode, da steht ein Schild mit „Du bist doof“ auf der Kliniktüre, ist da schon der erste falsche Schritt.
Jetzt kann jeder, der das hier liest, sich nochmal Gedanken um die Einschätzung von normal und ADHS machen. Es ist einfach nicht einfach – so einfach ist das. Und sorry, Vanessa, aber das Essen vergisst du nicht. Eines der negativen Symptome bei ADHS in einer späten Wahrnehmung oder Diagnose ist, dass man anfängt, blinde Flecken zu bilden, weil man aufhört, sich an den Zankpunkten zur normalen Welt noch sehen zu wollen – auch die eigene Reflexion hört dann mit einer erlernten Gewohnheit schnell wieder auf zu funktionieren. Zucker, Alkohol, Drogen. Das ist schwer für Vanessa, und ich wünsche ihr viel Glück und Zufriedenheit.
Und liebe Vanessa:
Lass dir den Flow beim Malen auf keinen Fall eintauschen, schmälern oder gar nehmen. Dieser Zustand ist der beste Zustand, den man haben kann. Und ich weiß, da werden mir einige widersprechen. Euch sei gesagt: Nein, das hat nichts mit dem zu tun, was ihr „Drogen nehmen“ nennt oder im höheren Alter als Dopaminmangel bezeichnet wird. Oh Mann und Auweia. Das Netz ist voll von dem Schmarrn.
Ach und Vanessa: Es liegt keine Überforderung vor, wenn du nicht in deinem Flow bist, sondern eine Unterforderung. Es gibt nur nichts, was dich interessiert, weil es zu trivial für dein Hirn ist. Lass dir nicht einreden, dass du dann nicht „funktionierst“. Das sagen Menschen, die dich als Melkmaschine brauchen, in einer Welt, in der sich alles nur um deine Leistungskraft dreht. Ich verstehe nicht, warum so was immer noch so viel abwertenden Raum bekommt. Menschen in deiner Situation müssen, um da nicht einzuschlafen, einen langen und steinigen Weg gehen, um da Struktur reinzubekommen in unserer Welt. Aber es gibt Hoffnung. Mach einen Job, der dir gefällt. Damit geht’s besser, Routinen aufzubauen, um in unserer Welt gut existieren zu können.
Platzängste sind ein oft anzutreffendes Symptom. Ängste im Allgemeinen werden viel einfacher als Routinen abgespeichert bei ADHSlern. Ängste erfordern große Aufmerksamkeit und Konzentration im Hirn. Vor allem dann, wenn man solchen Menschen ständig erzählt, dass sie nicht normal wären. Es ist ein steiniger und langer Weg für dich. Es tut mir richtig leid.
Dr. Philipsen ist eine der alten Schule. Die ist nicht völlig falsch. Das will ich betonen. Nur weil es eine bessere Erklärung für die Schwerkraft gibt, bedeutet es nicht, dass der Apfel nicht vom Baum fällt.
Aber die theoretischen Ansätze mit Stromschlägen aufs Hirn… Ich check’s nicht. Ehrlich. Ich will hier die Hirnforschung auch nicht kleinreden. Darum geht es nicht. Aber wie man auf die Idee kommt, Menschen Elektroden ans Hirn anzuschließen bei einem Feld, bei dem man nicht mal abschätzen kann, wann man begreift, wie das Hirn funktioniert, ist gelinde gesagt das Letzte. Wie kann man, wenn man im besten Fall 5 % vom Hirn und dessen Funktionsweise kennt, überhaupt annehmen, man weiß, was man tut? Ernsthaft, macht das bitte nicht. Seid nicht so verzweifelt zu glauben, das bringt was. Ich kann nur hoffen, dass es von vornherein ein Plazebo ist und nie wirklich Strom fließt.
Es gibt zu viele neue Erkenntnisse in der Sozialforschung und in der Philosophie der Welt. Und beides muss berücksichtigt werden. Und das tut Dr. Philipsen offensichtlich nur unter Zwang. Wäre ich ein ADHSler mit Leidensdruck, wäre ich bei ihr völlig falsch aufgehoben. Und ja, sie muss auch in dieser Welt da sein. Selbst wenn es nur bedeutet festzustellen, dass dieser Ansatz falsch, nicht mehr zeitgemäß oder whatever ist.
Professor André Zimpel bringt es gleich zu Anfang auf den Punkt mit dem Satz: „Würde ich heute mit einem ADHS-Gehirn auf die Welt kommen, kann ich ja nicht sagen: Oh, Entschuldigung Welt, ich komme einfach noch mal neu auf die Welt ohne ADHS-Gehirn.“
Daher ist die einzige logische Schlussfolgerung, dass die Welt damit lebt, dass alle miteinander umgehen können und sich aneinander anpassen. Ich würde am Ende fast gerne sagen „muss“, aber ich sehe das aus einer evolutionären Ecke.
Es ist wie es ist und alles ist möglich und nötig.
Wir Menschen haben keine Ahnung, was die Evolution macht, wir können nur zurückschauen und uns zusammenreimen, wie es eben passiert ist, was passiert ist. Aber ein bewusster oder geplanter Eingriff ist eh nicht möglich. Daher ist die Konsequenz nur die, dass wir, die einen Weg gefunden haben, denen mit Leidensdruck behutsam unter die Arme greifen und alle Erkenntnisse verwenden, die wir haben. Und da löscht Frau Dr. Philipsen einfach ab. Hätte ich ADHS und Leidensdruck, würde ich auf jeden Fall zu Professor André Zimpel gehen. Sein Blick ist deutlich differenzierter. Außerdem würde ich nie im Leben eine Elektrotherapie am Hirn eingehen. Mir ist rätselhaft, wie man bei der wissenschaftlichen Lage und der völligen Unkenntnis über das Gehirn sich auf so was einlässt. Auch als Dr. oder vor allem als Doktor. Bei einem System, bei dem man nicht einmal eine Grundahnung hat, wie komplex das System ist, weil man es viel zu wenig kennt, Strom am Hirn anzuschließen, ist eigentlich eine Frechheit.
Ja, ich bin Betroffener. Ja, ich bin in einem gewissen Rahmen wütend, wenn ich so was wie die „Meinung“ von Dr. Philipsen sehe. Und ja, ich bin enttäuscht und wirklich erschrocken über die einzige Patientin Vanessa in der Doku auf ARTE, die ganz offensichtlich ein hohes Maß an Leidensdruck hat. Ich erschrecke aber jedes Mal, wenn Menschen in ihrer Situation über ihre Therapie sprechen. Solche Menschen sind leider in sich so verloren aufgrund der für sie völlig durchgeknallten Gesellschaft, die ihre eigenen Teufel nicht sieht und ihnen aber ständig zuarbeitet. Und als einziges Argument: weil es eben so ist. Es ist aus Vanessas Sicht der Wahnsinn in Dosen, die sie eigentlich aufessen müsste, um wirklich so was wie Normalität zu erreichen. Aber es sind natürlich viel mehr Dosen, als man in einem Leben essen kann. Und Vanessa hat es wohl bisher versucht. Es tut mir wirklich leid um solche Menschen. Ich war mit einer Frau mit einem hohen Grad an Neurodivergenz verheiratet, und es ist einfach für alle Beteiligten ein absoluter Wahnsinn, den man nur schwer in den Griff bekommen kann. Ich habe es nicht geschafft. Glaubt an Diversität. Das hat das Potenzial, uns alle abzuholen.
Nachwort
Nun habe ich natürlich bei weitem nicht alles aufgeschrieben. Während ich diese Zeilen verfasste, hatte ich mit meinen eigenen Erinnerungen und auch mit Tränen zu kämpfen. Es hätte alles so viel einfacher sein können, wenn man sich nicht in so verbohrten gesellschaftlichen Verstrickungen oder zwischen so unnachgiebigen Menschen befunden hätte. Natürlich trage ich eine Utopie in meinem Kopf – ohne sie würde ich zerbrechen. Diese Konzentration auf meine Schwächen und das Links-liegen-Lassen meiner Stärken hat mich um Jahrzehnte zurückgeworfen, und das ärgert mich heute immer noch.
Dass dieser Text überhaupt möglich war, verdanke ich meinem neuen Leben auf dem Segelboot: dem Alleinsein, der Möglichkeit, Dinge zu sortieren und aufzuarbeiten, der Freiheit, nach meinem wahren Ich zu suchen. Alles, was ich heute tue – das Segeln lernen, das Boot bauen und reparieren, die Technik, der Videoschnitt, mein Orca-Projekt, Sprachen lernen – all das entspringt dieser wiedergewonnenen Freiheit. Ich habe endlich noch so viel vor. Danke an mein Leben.
Hier unten habe ich euch einige Buchempfehlungen zusammengefasst. Ich kann sie Betroffenen nur ans Herz legen. Sie werden euch vielleicht nicht direkt dabei helfen, in dieser Welt „klarzukommen“, aber sie helfen dabei, ein Verständnis dafür aufzubauen, wer und was wir sind. Es kann, wie bei mir, Türen öffnen.
Ich habe sie als Quellenangaben mit Sternchen (*) und Zahlen versehen. Dabei habe ich bewusst immer ein philosophisches Werk ergänzt, denn das ist die Perspektive, aus der ich komme. Die medizinischen Bücher habe ich über Jahrzehnte hinweg gesichtet – und ja, ich gebe zu, ich habe sie nicht alle von vorne bis hinten durchgelesen. Diese Fachchinesen. Tz. Aber sie stützen in vielen Fällen meine Denkweise. Ich habe sie auch ein bisschen kommentiert. Verzeiht mir aber ein bisschen, es ist zum Teil lange her die gelesen zu haben.
Ich möchte hier noch einmal betonen: Das ist meine Sicht, mein Leben. Dies ist kein Therapieansatz. Geht zu Ärzten oder Psychologen. Und wenn ihr es euch leisten könnt: Bezahlt es privat aus eigener Tasche. Es lohnt sich, auf die Suche nach dem eigenen Ich zu gehen. Lest moderne Philosophie.
Danke für eure Aufmerksamkeit.
PS: Eine Sache noch: Seitdem ich offen zu mir und meinem Anderssein stehe, geht es mir deutlich besser. Das ist jetzt knapp 20 Jahre her. Ich bin bis heute zutiefst dankbar, dass meine Mutter damals, 1976 in der ersten Klasse, diesen „Terror des Lebens“ über die Entscheider brachte – den Rektor, die Konrektorin und diesen Typen, bei dem ich heute nur noch raten kann, was seine Funktion war, außer mich auszusortieren.
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Buchempfehlungen:
*
1.
Das Konzept der „Normalität“ als statistisches Konstrukt
Mein Punkt: Normalität ist nur ein Durchschnittswert, kein Maßstab für das Leben.
Medizin/Wissenschaft: Todd Rose: The End of Average. Rose belegt neurobiologisch, dass es das „Gehirn im Durchschnitt“ nicht gibt und medizinische Normwerte individuelle Potenziale oft zerstören.
(Da tue ich mir schwer mit der Einordnung. Es ist wohl anerkannt, aber diskutabel)
Philosophie: Michel Foucault: Wahnsinn und Gesellschaft. Er analysiert meisterhaft, wie die Gesellschaft Definitionen von „krank“ und „normal“ nutzt, um Menschen zu disziplinieren und auszusortieren.
*2.
ADHS als evolutionärer Vorteil (Hunter vs. Farmer)
Mein Punkt: ADHSler sind der Evolution oft voraus; Risikobereitschaft und Schnelligkeit sind Stärken.
Medizin/Wissenschaft: Thom Hartmann: ADHD: A Hunter in a Farmer’s World. Die klassische Theorie, dass ADHS-Gene in Jäger-Sammler-Kulturen (Wachsamkeit, schnelle Reaktion) überlebenswichtig waren.
(Die Theorie ist umstritten, wenn gleich sie in der Wissenschaft Beachtung findet)
Philosophie: Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Sein Konzept der „Umwertung aller Werte“ passt hier: Was die Herde als „Störung“ sieht, ist beim Individuum eine schöpferische Kraft.
*3.
Unterforderung vs. Überforderung (Das Melkmaschinen-System)
Mein Punkt: Wir „funktionieren“ nicht in trivialen Strukturen, weil wir unterfordert sind, nicht überfordert.
Medizin/Wissenschaft: Studie zu Boreout bei ADHS (NIH). Forschungen zeigen, dass Unterstimulation im präfrontalen Kortex bei ADHS-Gehirnen denselben Stress auslöst wie massive Überlastung.
(Ist wohl Fakt in der Wissenschaft)
Philosophie: Byung-Chul Han: Müdigkeitsgesellschaft. Er beschreibt, wie das moderne Leistungssystem den Menschen zur Selbst-Optimierung (Melkmaschine) zwingt und Abweichungen als Defizit brandmarkt.
*4.
Die Gefahr invasiver Eingriffe (Elektrotherapie) bei Unwissenheit
Mein Punkt: Man kann nicht mit Strom eingreifen, wenn man nur 5 % des Systems versteht.
Medizin/Wissenschaft: Kritische Analyse zur tiefen Hirnstimulation (Journal of Medical Ethics). Es gibt ethische Debatten darüber, dass wir zwar Effekte von Strom messen, aber die langfristigen Auswirkungen auf die Persönlichkeitsstruktur kaum kennen.
(Ich sage nicht, dass es nicht funktioniert. Ich finde es aber in einem hohen Maß kritisch bei der aktuellen Lage der Neurowissenschaft.)
Philosophie: Hans Jonas: Das Prinzip Verantwortung. Sein „Heuristik der Furcht“ besagt: Wenn wir die Folgen einer Technologie nicht voll absehen können, ist Vorsicht (und Ablehnung) die ethische Pflicht.
*5.
Masking und die Entstehung „blinder Flecken“ (Sucht/Depression)
Mein Punkt: Späte Diagnosen führen zu Selbstentfremdung und Kompensationsmechanismen.
Medizin/Wissenschaft: Dr. Gabor Maté: Scattered Minds. Maté verbindet ADHS direkt mit frühkindlichen Anpassungsstrategien und zeigt, warum Betroffene später zu Suchtmitteln greifen, um die „Welt auszuhalten“.
(Das Buch ist umstritten. Es könnte die Eltern dafür verantwortlich machen für dein ADHS. Ich kann’s nicht einschätzen. Ich finde die Schlussfolgerungen logisch und gut erklärt)
Philosophie: Jean-Paul Sartre: Das Sein und das Nichts (Mauvaise Foi). Er beschreibt die „Unaufrichtigkeit“ – wenn man eine Rolle spielt, die nicht dem eigenen Kern entspricht, um gesellschaftlich zu genügen, und daran zerbricht.
*6.
Die Heilkraft des „Flows“ (Hyperfokus)
Mein Punkt: Der Flow ist der beste Zustand; man darf ihn sich nicht als „Dopaminmangel“ kleinreden lassen.
Medizin/Wissenschaft: Mihály Csíkszentmihályi: Flow – Das Geheimnis des Glücks. Seine Forschung belegt, dass der Flow-Zustand die höchste Form der neuronalen Ordnung und Zufriedenheit darstellt, weit entfernt von pathologischer Störung.
(Ein Standardwerk)
Philosophie: Aristoteles: Nikomachische Ethik (Eudaimonie). Wahres Glück (Eudaimonie) entsteht durch das Ausleben der eigenen spezifischen Fähigkeiten.
*7.
Inklusion statt Exklusion (Die Rolle der Mutter/Schule)
Mein Punkt: Das Aussortieren in „Sonderschulen“ zerstört Biografien; die Welt muss sich anpassen.
Medizin/Wissenschaft: Studien zur Stigmatisierung durch Diagnose (Pediatrics Journal). Belegt, dass die Etikettierung „Sonderschule“ oft schädlicher für die Entwicklung ist als die ADHS-Symptomatik selbst.
(Der „Why-try“-Effekt. Diese Studien sind umfangreich. Ich habe bei Sozialstudien immer ein bisschen Bauchschmerzen. Das Setting ist immer schwierig. Die dazugehörigen Meta-Studien zeigen schon eine Verbindung zwischen Stigmatisierung und Wohlbefinden bzw. Leistungsfähigkeit.)
Philosophie: Martha Nussbaum: Die Grenzen der Gerechtigkeit. Ihr „Capabilities Approach“ fordert, dass Gerechtigkeit bedeutet, jedem Menschen die Umgebung zu bieten, die er für sein spezifisches Gedeihen braucht.
Widmung:
Lieber und bester MM. Das geht vor allem unserem Gespräch im November hervor. Danke, dass es dich gibt.
