Präambel:
Viel passiert. Nix geschrieben. Sorry.
In den Videos ist alles beschrieben.
Die Geschichte.
Das, was die letzten drei Tage vor der Abreise passiert ist, war wieder einmal eine Aufgabe, der ich erstens nicht gewachsen war, die mir zweitens wieder einmal beigebracht hat, nicht alles zu wissen – egal, wie tief ich mich in Dinge reindenke.
Vorab: Wir haben unter Tränen Mylor Churchtown und die vielen Menschen – zum Teil wirklich Freunde – verlassen.
Aber:
Am Mittwoch letzter Woche ging es los.
Angefangen hat es damit, dass ich die Steuereinheit für die neue elektrische Rollanlage eingebaut, die Kabel verlegt und ein Loch für die neueren, wesentlich dickeren Kabel ins Deck gebohrt habe.
Test gemacht – funktioniert.
Donnerstag die Segel hochgezogen – leider bei ein bisschen seitlichem Wind. Das hat dazu geführt, dass wir das Großsegel drei Mal rein- und wieder rausholen mussten, um es wirklich gut einrollen zu können.
Dann die Genua, also das Vorsegel. Eingehängt, hochgezogen, die Segellatten rein – das sind so Vinylstäbe, die man in Taschen von unten nach oben hineinsteckt, die im Segel sind. Dann hat man Laschen, die man von unten um die Segellatte mit einem Klettverschluss verschließt. Dazu aber später mehr.
Dann, beim elektrischen Einrollen des Vorsegels (Genua), bleibt mitten drin die Rollanlage stehen. Nichts geht mehr. Kein Mucks. Null, zero Bewegung.
Ich habe gemessen: Eingang, Ausgang, den Schalter – auf, ab … Dann die Kabel von der Steuerbox zur Rollanlage erneuert – nichts. Am Eingang 26,4 Volt, am Ausgang ca. 6 Volt.
Nach vielen Stunden habe ich mich dann dazu entschlossen, zur Werft zu gehen und gefragt, ob denn ein Elektriker mal Zeit hat, um sich dem Problem anzunehmen.
Kathy, die Organisatorin im Büro, meint: „Oje, wir haben leider zwei Wochen keinen freien Elektriker. Aber ich schaue, was geht, und rufe dich an oder schicke eine Mail.“
Zwei Stunden später die Nachricht, dass morgen früh ein Elektriker kommt und sich das mal anschaut. Ich will ja lernen, und so standen wir dann zu zweit mit der Installationsanleitung in der Hand vor dem Kasten, und er misst das, was ich auch gemessen habe. Er stand auch mit einem Fragezeichen da. Er ging hoch ins Büro, um den Händler zu kontaktieren.
Zwei Stunden später kam er zurück und wusste, was das Problem war.
Aber wieder die Lehre, dass der Dunning-Kruger-Effekt jeden treffen kann. Auch immer mich. Denn ich denke, ich mache alles richtig. Ein oft beobachtbarer Effekt bei mir. Und obwohl ich das weiß und oft im Nachhinein bemerke, kann ich es nicht verhindern. Das ist krasser Scheiß.
Dunning-Kruger-Effekt. Googelt das mal oder schaut euch ein Video auf YouTube an. Lustig oder interessant. Egal.
Auf jeden Fall funktionierte die Rollanlage, wie sie soll. Kennt ihr das Meme aus „Die nackte Kanone“? Wo das ganze Publikum sich an die Stirn klatscht? Ich war ein Teil des Publikums.
Was auch immer ich falsch gemacht habe, kommt in einem der nächsten Videos.
Am nächsten Vormittag haben wir dann unsere sieben Sachen gepackt und sind aus der Marina gefahren, haben viele Tränen vergossen, geherzt und umarmt.
Hier rauszufahren war ein Cocktail an Gefühlen: glücklich, nach achteinhalb Monaten Mylor verlassen zu können – und wissend, dass wir viele Menschen, die uns ans Herz gewachsen sind, zurücklassen müssen. Für mich war es tatsächlich so wie Fürth verlassen. Ich habe ein Stück Heimat gefunden, von dem ich mich wieder trennen muss, kann, will. Klar, ist ja auch meine Entscheidung.
Wir sind raus aus der Bucht, an Falmouth vorbei in den Ärmelkanal und sind bei 8–17 Knoten Wind ein bisschen Zickzack gefahren. Alles hat funktioniert. Ich habe sehr schnell das Gefühl bekommen, mich wohlzufühlen. Ein paar Handgriffe haben sich leicht verändert, aber alles ist so, wie es sein soll. Ich fühle mich wieder zuhause auf meinem Boot, wenn es auf dem Wasser vom Wind angetrieben wird.
Beim Testsegeln ist mir dann aufgefallen, dass die zweite Segellatte in der Genua (es sind insgesamt fünf) aus der Tasche rausschaut. Nicht viel – 10–20 cm. Die Latte selbst ist ca. 130 cm lang. Nach ’ner Weile schaute sie aber schon gut über die Hälfte raus.
Ja, Segel haben Latten (nicht alle Segel haben Latten, aber meine eben schon). Die sind meist aus Vinyl und – wenn man Geld hat – auch aus Carbon.
Wir segelten hart am Wind wieder Richtung Mylor in den Fluss hinein, und leider ging sie dann offensichtlich mit Wonne baden. Mein Fehler. Ich habe beim Reinstecken der Lasche die Lasche hinter die Latte geschoben und nicht um die Latte.
Aber: Praktisch betrachtet lief alles super. Alles hat funktioniert, ich habe mich zuhause gefühlt, und das Boot, die Segel, die Reparaturen hinterlassen einen sehr guten Eindruck.
Wir wollten – wenn alles gut läuft – nicht zurück nach Mylor fahren, sondern sind dann flussaufwärts recht weit in den River Fal hinein. Den Anker raus und haben an Bord gegrillt und einen wunderschönen Abend und eine Nacht in der Natur verbracht.
Was für eine Befreiung. Was für eine Wohltat. Der Druck, der mich über Monate wieder und wieder zu erdrücken drohte, fiel auf einmal ab. Meine Kraft, meine Nerven, mein Geldbeutel, meine schlechten Feelings – alles war auf einen Schlag weg. Fast, als wären die letzten Monate nicht passiert.
Britti und ich haben monatelang durchgearbeitet – ohne Wochenende, ohne uns nur eine freie Minute zu gönnen oder sie einzufordern. Immer mit dem Ziel vor Augen, endlich diese ganze Misere beenden zu können. Drei Mal hat es so ausgesehen, dass wir nächste Woche wegkommen – aber dann ist das Ding aufgefallen, und da noch eine Reparatur, und da ist etwas kaputtgegangen.
Und ich kann’s euch sagen: Du denkst, na ja, die Pumpe für den Kühlschrank ist ja schnell gemacht – aber dann zieht sich zum Beispiel die Kühlschrankpumpe bis an den Abend hin, bis wir das erste Mal rausfahren. Ich schwöre, am letzten Tag vor der Abfahrt habe ich letztlich die Pumpe gegen eine neue getauscht. In drei Monaten insgesamt ca. 48 Stunden nur an der Pumpe gewurschtelt. Jede Stunde, die ich damit umgegangen bin, habe ich neue Sachen gelernt. Hätte ich das gewusst, wäre ich ca. 400 Euro reicher und hätte mehr die Nerven bewahrt. Und das über insgesamt fünf Jahre. Und ich mache ein Ding, von dem ich ganz offensichtlich null Ahnung habe. Irgendwie fasse ich das selbst gerade nicht. Na ja. Ist so, wie es ist.
Auf einem Boot zu leben ist mit ständigen Reparaturen verbunden. Ständig hat man eine Liste mit To-dos, die nicht nur gefühlt länger wird – das berichten auch ständig andere Segler, die auf ihrem Boot leben. Somit wusste ich das auch eigentlich.
Aber ich dachte wirklich nach dem Refit vor über vier Jahren – ja Mann, über vier Jahre ist das jetzt her – also ich dachte: Das war’s. Jetzt fahre ich erst mal zehn Jahre rum und muss mich um nix mehr kümmern.
Aber das ist echt die Wunschvorstellung. Die Realität ist einfach anders als der Traum.
Aber natürlich gibt es – wie in jedem Leben, das ich geführt habe – die schönsten Zeiten, die man sich vorstellen kann.
Und zu meinem Glück hatte ich immer das Glück, das machen zu können, was ich wollte, was ich liebte und was ich mir in meinen Träumen vorgestellt habe.
Das ist ein so wunderschönes Privileg, auf 35 Jahre Erwachsensein zu blicken und sich keinen Vorwurf machen zu können.
Und eine Sache ist sicher: Das ist Glück – oder Schwein gehabt.
Da gehören so viele Ereignisse und Gegebenheiten dazu, auf die ich keinen Einfluss hatte und habe.
Und eine Sache ist absolut sicher: Es gab und es gibt Menschen in meinem Leben, ohne die das alles nie möglich gewesen wäre.
Nicht alle davon sind noch da.
Dazu aber mehr in meiner Autobiografie.
Heute sind wir in Fowey an einer Ankerboje. Ein herrlich pittoreskes Örtchen mit Mittelmeer-Flair.
Uns wurde ein Empfang geboten, der völlig abgefahren war.
Ca. fünf Seemeilen vor dem Hafen haben wir den Hafenmeister angefunkt und gefragt, ob sie noch Platz haben. Er sagte: „Ja, kein Ding – ruft aber bitte so ’ne Meile vor dem Hafen nochmal durch.“
Gesagt, getan – vor dem Hafen die Segel eingerollt, den Hafenmeister kontaktiert. Der meinte, wir sollen bitte ein Stück vor der Einfahrt warten, denn da kommen gleich hundert Boote auf einmal raus.
Die Ansage war wirklich schräg. Von außen hat man nichts gesehen. Man muss wissen, dass Fowey rechts und links einen kleinen Berg hat und man dazwischen in den Hafen reinfährt.
Und auf einmal bricht die Hölle los.
Alles, was im Hafen ist an Booten, fährt mit Hupen und Trompeten Vollgas aus dem Hafen raus. Und ich meine wirklich alles: Pilotboote, Rettungsboote, Segelschiffe, Motoryachten, Fischer, Ruderboote, Beiboote – wirklich alles.
Es war fantastisch. Es war wie in einem Traum – und mit das Coolste, was ich je gesehen habe. Das hat so viel Freude ausgestrahlt.
Ich weiß nicht genau, wie ich das beschreiben soll. Mir laufen die Tränen vor Glück die Backen herunter, wenn ich das schreibe und das in meinem Kopf noch einmal erlebe.
Fowey wurde uns auch von vielen nahegelegt.
Und so im Nachhinein betrachtet ist es wirklich schön – aber jetzt im Hochsommer natürlich von Touristen nahezu überlaufen.
In den Lokalen, in denen wir überlegt haben, abends zu essen, wurde uns entweder gesagt: „Ausgebucht“, oder: „Kommt vorbei, dann schauen wir mal, ob wir Platz haben.“
Jetzt ist es 16:00 Uhr. Wir werden mit dem Beiboot wieder rüber an Land fahren und schauen, ob wir überhaupt einen Platz für das Beiboot bekommen – denn selbst das ist noch nicht sicher.
