Warum ich den Orcas mit Daten statt mit Böllern begegnen will
Hallo liebe Segler, Computer-Freaks und Wissenschaftler, Versicherer, Tourismusverbände, Medien und wer sich sonst noch als Leser findet.
Ich fahre jetzt seit fünf Jahren mit meinem Segelboot auf dem Wasser umher. Inzwischen habe ich fast 10.000 Seemeilen hinter mir. Ich liebe die Natur und habe eine Affinität zu allem, was mit Computern zu tun hat. Ich habe keine Ahnung vom Programmieren – na ja, fast keine –, aber ich weiß, was man mit Computern alles anstellen kann. Jetzt möchte ich das zusammenführen und suche nach Gleichgesinnten. Denn ich möchte Segeln, Natur und Computer miteinander verbinden und uns allen mehr Sicherheit geben.
Daher mein Projekt: OAIC (Orca-AIS-Impact-Correlation)
Jeder, der mit einem Segelboot unterwegs ist, hat inzwischen von den Interaktionen der Orcas um Spanien, Portugal und Gibraltar gehört. In den Medien sind immer nur Schreckensmeldungen zu lesen, die meist völlig falsch eingeordnet werden. Das führt dazu, dass wir Segler mehr Angst bekommen und zu Kurzschlussreaktionen neigen. Das muss aber nicht sein.Da kommt meine Idee:
Es gibt Momente auf See, in denen sich die Freiheit des Segelns plötzlich sehr klein anfühlt. Wer in den letzten Jahren die iberische Küste – zwischen Galicien, Portugal und dem Golf von Cádiz – befahren hat oder wie ich vorhat, diese zu befahren, kennt dieses Gefühl. In den Marinas entlang der Algarve oder in Huelva gibt es abends oft nur noch ein Thema: die Orcas.
Vor allem Segler kleinerer Serienyachten haben wahrscheinlich zurecht Angst um ihr Boot und vielleicht sogar um ihr Leben. Bisher gab es noch keine Toten unter den Seglern, aber ich fürchte, das ist nur eine Frage der Zeit. Was mich am meisten erschüttert, ist die Hilflosigkeit, die zunehmend in Aggression umschlägt.
Die Eskalation der Mythen
In den Cockpits werden „Tipps“ gehandelt wie geheime Kriegstaktiken: Sand in die Atemwege schütten, mit Böllern werfen, ja sogar der Einsatz von Gewehren wird diskutiert. All das ist sogar in Videos dokumentiert, die man auf YouTube finden kann. Auf der anderen Seite wächst eine Industrie heran, die uns Unterwasser-Bojen und akustische Pinger verkauft. Und wenn man fragt: „Hilft das wirklich?“, bekommt man nur Schulterzucken oder eine Geschichte vom „Bekannten eines Bekannten“, bei dem es geklappt hat.
Mir wurde klar: Wir Segler stecken in einer Falle aus Mythen und Angst.
Und die Leidtragenden sind am Ende beide Seiten: wir mit unseren beschädigten Schiffen und die Orcas, eine hochintelligente, geschützte Art, die wir plötzlich als „Feind“ betrachten.
Der „Kriesel-Moment“
Ich bin kein Informatiker. Ich bin Segler. Ich und meine Liebste filmen unsere Abenteuer für unseren YouTube-Kanal und teilen unsere Erlebnisse auf Instagram. Aber ich bin auch ein Beobachter. Ich bin seit der Existenz des CCC ein Fan der Hacker-Ethik und deren Herangehensweise.
Ich habe mich an die Vorträge von David Kriesel auf den CCC-Kongressen erinnert. Er hat gezeigt, wie man durch das Sammeln massenhafter Metadaten (wie Spiegel-Artikel oder Bahndaten) Muster erkennt, die vorher niemand sah. Und plötzlich hat es bei mir „Klick“ gemacht.
Wir haben alle AIS an Bord. Wir senden ständig unsere Position, unseren Kurs, unsere Geschwindigkeit. Diese Daten fliegen millionenfach durch die Luft. Die Wissenschaft zählt bisher nur die Angriffe (den „Zähler“), aber niemand schaut sich die zehntausenden Segler an, denen nichts passiert ist (den „Nenner“).
Es gäbe noch so viel mehr, das in diesen Daten stecken könnte. In meiner Euphorie kann ich mir sogar vorstellen, dass wir im Ansatz verstehen könnten, wie die Orcas kommunizieren. Diese Datenbasis könnte so viel bewirken, dass ich mir ihr Ausmaß kaum vorstellen kann. Ich weiß aus den Vorträgen zum „Spiegel-Mining“, dass in diesen AIS-Daten viel mehr steckt, als ich mir heute ausmale. Das ist kein Hirngespinst, die Daten sind da – wir müssen sie nur lesen.
Ein Weg für uns beide
Ich will, dass wir wieder mit Freude durch den Golf von Cádiz segeln können. Ohne Wasserbomben in der Backskiste und ohne Angst im Nacken. Ich will, dass die Orcas Orcas bleiben dürfen, ohne dass wir sie als Monster hassen.
Dies ist meine persönliche Reise vom besorgten Skipper zum Initiator eines Datenprojekts. Ich werde ab Mai in Frankreich starten und in den Häfen vor Ort sein, die Ohren und Augen offen halten und die „Ground Truth“ liefern. Ich weiß noch nicht, wo uns diese Zahlen hinführen werden – aber ich weiß, dass Mathematik der einzige und friedlichste Weg ist, um diese Krise zu lösen.
Wenn ihr diese Reise begleiten wollt oder jemanden kennt, der statt Segeln lieber Code „spricht“, schaut bei mir auf GitHub vorbei. Den Pitch stelle ich in den nächsten Tagen online.
OAIC – Orca-AIS-Impact-Correlation auf GitHub
Wir sehen uns auf dem Wasser – hoffentlich bald mit mehr Wissen und weniger Angst.
Wir müssen nur die richtigen Fragen finden.
Danke für eure Aufmerksamkeit.
PS: Hier auf meiner Webseite könnt ihr Nach „OAIC“ Suchen und bekommt alle Artikel angezeigt.
