Hallo liebe Familie, Freunde und alle Leser.
Die Zeit ist vergangen wie im Flug. Viele Dinge sind passiert und über die möchte ich hier und in den folgenden Beiträgen berichten.
Die Geschichte startet nach unserem letzten Video. Dem Staffelfinale. Es ist Mitte Oktober und Britti verlässt das Boot und fährt nach Hause zu ihrer Mum. Sie wird für 6 Monate Arbeiten gehen um sich finanziell auf die nächste Saison vorzubereiten. Es ist wirklich ein Privileg Qualitätszeit mit der Familie verbringen zu können.
Ich bin nun alleine auf dem Boot in dem Arbeiter geprägten Ot Douranenez. Ein wirklich schönes kleines Städtchen mit ca. 14.000 Einwohner. Es gibt eine Markthalle im Zentrum des Ortes. Für mich ein perfekter Ort gute und frische Lebensmittel zu kaufen. Die Leute hier sind entspannt, hilfebereit und wissen wie man feiert. Die Natur hier herum ist wunderschön. Die Steilküste westlich des Ortes ist wunderschön. Obwohl der Atlantik hier nicht direkt aufschlägt ist die Brandung schon beeindruckend. Es gibt auch eine kleine Hippy-Community mit ein Paar Häusern und vielen Wohnwagen und Campern. Also eigentlich ist es keine offizielle Community. Es ist eher ein Zusammenschluss an Handwerkern und Künstlern. Von einem kleinen Tonstudio, eine kleine Segelmacherei, Schmiede und Metallhandwerk finden sich hier Menschen zusammen. Sie organisieren sich über den Verein Le Sens de la Vis. Leider gibt es wie oft in solchen Situationen Probleme. Das Department Finistére hat das Gelände gekauft obwohl die Gemeinschaft mehr geboten hat. Das Departement plant, die Gebäude abzureißen und das Gelände zu „renaturieren“, während die Bewohner mit Protestmärschen und rechtlichen Mitteln versuchen, den Abriss und ihre Räumung zu verhindern. Am 28. Januar 2026 ist beispielsweise eine Filmvorführung und Diskussion zur Unterstützung des Projekts geplant. Ich wünsche den Leuten viel Glück und Kraft das ganze weiter Aufrecht erhalten zu können.
Douarnenez hat eine sehr bewegte Vergangenheit. Ich habe selbst schon gemerkt, dass die Leute hier einen starken Zusammenhalt zeigen. Die Offenheit und die Kraft, welche die Menschen ausstrahlen, sind außergewöhnlich und bemerkenswert.
Im Zweiten Weltkrieg war Douarnenez ein Zentrum des französischen Widerstands gegen die Nationalsozialisten. Doch warum eigentlich? Um das zu verstehen, muss man tiefer in die Vergangenheit blicken: Vor etwa 100 Jahren wurde Douarnenez zur ersten kommunistisch geführten Stadt Frankreichs.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Ort vollständig vom Sardinenfang geprägt. Die soziale Schere klaffte weit auseinander – die Arbeiter waren sehr arm, während die Fabrikbesitzer, die „Herren des Silbers“, immensen Reichtum anhäuften.
Während die Männer und Söhne auf See mit dem gefährlichen Fischfang beschäftigt waren, schufteten die Frauen und Töchter an Land in riesigen Fabrikhallen. Sie mussten die Fische köpfen, salzen, frittieren und einlegen – oft Tag und Nacht. Wann die Frauen zur Arbeit antreten mussten, bestimmte das durchdringende Horn der Fabriken. Sobald es schallte, mussten alle zur Arbeit eilen, um den Fang zu verarbeiten, den die stolzen Männer aus dem Meer geholt hatten. Um die soziale Struktur des „Roten Douarnenez“ zu verstehen, muss man sich die Stadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts als einen Ort vorstellen, an dem die industrielle Revolution auf den Ozean traf. Es herrschte eine krasse, fast feudale Klassentrennung, die den Boden für eine radikale Politisierung bereitete.
Die „Herren des Silbers“ (franz.: Seigneurs de l’argent) waren die uneingeschränkten Könige der Stadt – eigentlich fast schon Sklaventreiber. Sie kontrollierten alles. Hier in Douarnenez wurde die erste Konservenfabrik der Welt gebaut, und durch diese Industrie wurden die Besitzer unermesslich reich. Sie separierten sich auch räumlich von den Arbeiterinnen und den Fischern, da sie nicht in dem Gestank wohnen wollten, der rund um die Hafenanlagen herrschte. So bauten sie ihre großen, feudalen Villen im heutigen Stadtteil Tréboul, die man dort noch heute bewundern kann.
Diese Fabrikbesitzer bestimmten über alles, was die restliche Bevölkerung zu tun und zu lassen hatte. Sie gaben vor, wie gewohnt wurde, wann man aß und wer wann was tun durfte. Sogar die Religion wurde von den „Usiniers“, wie sie genannt wurden, beeinflusst und kontrolliert.
Das soziale Gefälle war so gewaltig, dass es unweigerlich zum offenen Widerstand kommen musste.
Da die Frauen in den großen Fabrikhallen eng zusammenarbeiteten, wurden sie zur Keimzelle des Protests. Mit sozialistischen Gesängen in den Fabriken und der daraus keimenden Arbeiterkultur begann die Revolution.
Die Männer hatten dafür kaum Zeit; da sie immer in kleinen, separierten Gruppen auf ihren Fischerbooten auf See waren, konnten sie zur Organisation des Widerstands anfangs wenig beitragen.
Auch die räumliche Trennung zwischen Reich in Tréboul und Arm im Stadtteil Rosmeur verstärkte den Zorn der Arbeiterinnen. Die grassierende Tuberkulose und der weit verbreitete Alkoholismus – beides Folgen der harten Lebensbedingungen – waren weitere Gründe, warum die Situation schließlich in einem offenen Aufstand eskalierte.
In den zahlreichen Hafenkneipen, den sogenannten Bistrots, mischten sich die Seeleute mit Gewerkschaftern, die aus den großen Industriestädten wie Paris oder Brest in die Stadt kamen. Douarnenez war empfänglich für die Ideen des Sozialismus und später des Kommunismus, weil das Elend vor Ort innerhalb des bestehenden Systems keine Hoffnung auf Besserung zuließ.
Dann begann der Erste Weltkrieg und die Männer mussten in den Kampf ziehen. Wie so oft in der Geschichte geschah dies nicht aus freiem Willen. Sie wurden von denjenigen, die viel zu verlieren hatten, an die Front gezwungen – unter anderem von den Fabrikbesitzern, die ihren Besitz und Status sichern wollten.
Nach dem Krieg kehrten die Männer zurück nach Douarnenez. Durch die grausamen Erfahrungen an der Front und den täglichen Überlebenskampf hatten sie viel gesehen und erlebt. Da die meisten Männer Fischer waren, wussten sie bereits, dass Erfolg und Überleben auf See von der bedingungslosen Zusammenarbeit der Besatzung abhängen. Der Krieg hatte dieses Gefühl der „Schicksalsgemeinschaft“ noch verstärkt: Ohne diesen Zusammenhalt wäre jeder Einzelne dem Tod geweiht gewesen.
Diese Erkenntnis übertrug sich nun direkt auf die Gesellschaft und die Politik. Die Männer kamen zurück und mussten mit ansehen, dass die Fabrikbesitzer durch die Produktion von Rüstungsgütern, Rohstoffen und Kriegsgerät immer reicher geworden waren, während sie selbst ihr Leben für die Interessen dieser Leute aufs Spiel gesetzt hatten.
Die Russische Revolution von 1917 warf ihre Schatten voraus, und die Fischer sowie die Arbeiterinnen waren fasziniert von der Idee des Kommunismus. Wie wir wissen, gab es um 1900 bereits sozialistische Tendenzen, doch viele Arbeiter empfanden die „alte Garde“ der Sozialisten als zu kompromissbereit gegenüber dem Bürgertum. Als sich 1920 auf dem Kongress von Tours die Kommunistische Partei (SFIC, die spätere PCF) abspaltete, entschied sich Douarnenez fast geschlossen für den radikaleren Weg. Man wollte keine bloßen Reformen, sondern einen Bruch mit einem System, das die Menschen lediglich als „Menschenmaterial“ für die Sardinenindustrie behandelte.
Ich habe mich gefragt, warum die Entwicklung in Douarnenez so viel extremer war als im restlichen Frankreich. Der Ort war damals – und ist es teils heute noch – geografisch isoliert und infrastrukturell schlechter erschlossen. Es fehlte an Raum für ein freies soziales Zusammenleben; man hatte schlicht keine Zeit für etwas anderes außer der Arbeit. In den ländlichen Gebieten, wo Bauernfamilien auf ihren eigenen Feldern wirtschafteten, gab es diese spezifischen industriellen Probleme nicht. Dort gab es keine alles beherrschenden Fabrikbesitzer und keine Massen an verarmten Industriearbeitern.
Als dann ab 1924 Solidaritätsgelder der Kommunisten aus Paris nach Douarnenez flossen, konnten die Streiks organisiert und Gewerkschaften gestärkt werden. Die Arbeiterinnen kümmerten sich um Suppenküchen für die Kinder und Alten, organisierten Streikposten, die Kommunikation und sogar die juristische Verteidigung der verhafteten Anführer. Denn eines war klar: Jeder Aufstand wurde von den Fabrikinhabern sofort bekämpft. Es fanden sich leider immer Menschen, die sich den Besitzern anbiederten und als Streikbrecher oder Informanten dafür sorgten, dass Bemühungen um Freiheit im Keim erstickt werden sollten.
Als aus Paris das erste Geld floss, dachten die Usiniers noch, dass die Streikbemühungen schnell im Sande verlaufen würden – doch die Menschen hielten durch. Die ersten Lohnerhöhungen wurden durchgesetzt, und das war der eigentliche Startpunkt des „Roten Douarnenez“.
Um den historischen Kontext zu vervollständigen, muss ich kurz den „Kongress von Tours“ erwähnen. Nach der Russischen Revolution von 1917 und dem Ersten Weltkrieg stand die Frage im Raum, ob sich die französische Linke der von Lenin gegründeten Dritten Internationalen (Komintern) anschließen sollte. Eine große Mehrheit der Delegierten stimmte schließlich für den Beitritt und akzeptierte damit die strengen „21 Bedingungen“ aus Moskau. Diese lesen sich heute geradezu dramatisch, zum Beispiel:
- Jede Partei musste systematisch für die Notwendigkeit einer Revolution und der anschließenden Diktatur des Proletariats werben.
- Ausschluss von Reformisten: Alle gemäßigten Elemente mussten konsequent aus verantwortlichen Positionen in Parteien, Gewerkschaften und Parlamenten ausgeschlossen werden.
- Absolute Unterordnung: Die Beschlüsse der Komintern in Moskau waren für alle nationalen Parteien bindend.
- Kampf gegen Pazifismus: Den Arbeitern musste klargemacht werden, dass imperialistische Kriege ohne einen revolutionären Sturz des Kapitalismus nicht zu verhindern seien.
Man sieht schon auf den ersten Blick, dass es auch darum ging, andere Köpfe an die „Tröge der Macht“ zu bringen. Aber in dieser Übergangszeit half der gut funktionierende Propaganda-Apparat den Arbeiterinnen und Fischern dabei, sich aus den Fängen der Fabrikbesitzer zu befreien. So kam es, dass Douarnenez nicht nur der Ort der weltweit ersten Konservenfabrik war, sondern auch die erste Stadt mit einer kommunistischen Regierung im Rathaus.
Dieser Zusammenhalt, die Solidarität und der Stolz der Fischer und Arbeiterinnen sind hier heute noch immer zu spüren. Es ist genau das, was ich hier wahrnehme: eine gewisse Roheit, gepaart mit Fleiß und Stolz. Die „französische Art“ im Umgang mit jenen harten Bedingungen hat in der Tat zu einer besonderen, fast singulären Ausprägung der Arbeiterbewegung in Douarnenez geführt, die sich deutlich von den Entwicklungen in Deutschland oder England unterscheidet. Diese Besonderheit liegt in der einzigartigen Kombination von französischem Zentralismus und bretonischem Regionalismus.
Die „französische Art“ zeigte sich auch in der herausragenden Rolle der Frauen. Während in vielen Ländern Europas die Arbeiterbewegung männlich dominiert war, waren es in Douarnenez die „Penn Sardin“, wie die weiblichen Fabrikarbeiterinnen genannt wurden. Sie organisierten den Streik. Dies war ein Vorgriff auf die Frauenbewegung und sehr untypisch für die damalige Zeit. Die französische Tradition der Citoyenne (Bürgerin), die schon in der Französischen Revolution eine Rolle spielte, wurde hier in die Arbeiterklasse getragen.
In Deutschland war die KPD oft eine reine Stadtpartei in den Industriezentren. In Frankreich, insbesondere in der Bretagne, verband sich der internationale Kommunismus mit einem tiefen bretonischen Identitätsgefühl. Zum Beispiel wurden die Streiklieder nicht auf Französisch, sondern auf Bretonisch gesungen. Ihre Forderungen waren sehr lokal, fast schon ein wenig nationalistisch. Die französische politische Kultur, geprägt durch die Revolutionen von 1789, 1848 und 1871, neigt zu heroischen, beinahe dramatischen Gesten. Das Attentat auf den ersten kommunistischen Bürgermeister Le Flanchec, die monatelange Dauer des Streiks und die Weigerung, Schlägertrupps zu akzeptieren, zeugen von einer fast militanten Entschlossenheit, die typisch französisch ist. Man kämpfte nicht nur für Geld, sondern für Ehre und Würde.
Ich stellte bei meinen Begegnungen fest, dass die Menschen hier anders „drauf“ sind als dort, wo ich bisher war. Die Menschen in Kopenhagen wirkten beinahe „gebügelt“; dort fielen mir keine Ecken und Kanten auf. Die Leute in Cornwall waren ja beinahe typisch aristokratisch. Aber hier in Douarnenez lässt sich sagen, dass die französische, insbesondere die bretonische Art, die harten Bedingungen annahm und daraus eine einzigartige, selbstbewusste und erfolgreiche Form des Arbeiterwiderstands schuf, die bis heute nachwirkt. Nachdem ich mich jetzt mit der Geschichte der Bewohner hier ein wenig auseinandergesetzt habe, bin ich beinahe glücklich zu sehen, wie sich Gesellschaften im Laufe der Jahrhunderte zu Freiheit und einer inneren Ausgeglichenheit entwickeln konnten.
Ich kann nur sagen, ich mag diese Gegend hier. Sie ist etwas Besonderes, nicht nur wegen ihrer Natur und dem Meer. Aber darüber schreibe ich noch einen extra Artikel in meinem Blog.
Danke fürs Lesen und für euren Support!
