Wir sitzen fest.
Prinzipiell könnte man sagen, dass wir schon wieder fest sitzen. Aber diesmal liegt es am Wetter und nicht an Reparaturen. Das macht die Situation nicht nur erträglich, sondern tatsächlich richtig angenehm.

Ich kann dem Nachbarn mit seinem Boot von 1950 helfen und ihm die Thermostate am Motor tauschen, ein großer 6-Zylinder-Diesel von 1970. Ein richtig cooles Teil und eine schöne Aufgabe. Die Duschen sind okay, wir haben genug zu essen, die Umgebung ist super angenehm und die Marina hat uns einen richtig guten Preis gemacht: 36 Euro die Nacht. So günstig waren wir zuletzt vor drei Jahren in Schweden. Auf der Webseite standen 56 Euro, und jetzt bekommen wir das hier für fast die Hälfte.

Dazu kommt, dass wir die Hafenmeisterin und ihre Tochter kennengelernt haben und Britti zwei Schmuckstücke verkauft hat. Ich denke, ich bekomme auch ein paar Mark von meinem Nachbarn. Am Ende besteht sogar die Möglichkeit, dass wir hier umsonst liegen.

Die Reise hierher, also von Roscoff nach Aber Wrac’h, war naja interessant. Das Seegebiet zwischen Roscoff und Brest ist berüchtigt für hohe Wellen. Der Atlantik trifft hier auf den Ärmelkanal, es entstehen viele Überlagerungen. Die gute Welle liegt schon bei 2 Meter, normalerweise gerne mal bei 4 Meter. Dazu kommen komplexe Strömungen um die kleinen Inseln an der Kante, teils bis 7 Knoten. Wir haben einen gut betonnten Weg, den Chenal du Four, unsere Fahrrinne. Angeblich recht sicher, solange man nicht bei West-Südwest-Wind oder bei anlaufender Flut fährt. Seit Tagen weht der Wind genau aus dieser Richtung und die Wellen tun es ihm gleich. Tiefs ziehen von Nordamerika über Grönland nach Nordeuropa und bringen ununterbrochen Westwind. Bei nordwestlichem Wind, wenn er schwach weht, wäre ich bereit, das zu wagen, aber vorher lasse ich die Finger davon.

Also haben wir das Rad geschnappt und die Umgebung erkundet. Eine wunderschöne Gegend, das Finistère. Wirklich eine Empfehlung für einen Urlaub, egal ob mit Boot, Van, B&B oder Ferienwohnung. Hier trifft die wilde Kraft des Atlantiks auf sanfte grüne Hügel und uralte Wälder. Die Küste ist ein Mosaik aus schroffen Klippen, goldenen Sandstränden und versteckten Buchten, in denen das Meer in allen Blau- und Grüntönen glitzert. Über den Artischockenfeldern weht der salzige Wind, trägt den Duft von Lavendel und Feigenbäumen in die Luft und es riecht hier wirklich zum Reinbeißen. Die Vögel tanzen wie Pinselstriche über dem Himmel und in den kleinen Tälern fließen klare Bäche, die über moosbedeckte Steine springen.

Es ist einfach schön hier. Im Sommer kann man an ausreichend warmen Tagen locker einen entspannten Tag am Strand verbringen. Gutes Essen, beeindruckende Natur, hilfsbereite Menschen aus allen Ecken Europas und das berühmte französische Savoir-vivre, alles da. Alle machen Mittagspause von gefühlt 11:30 bis 14:30. Hier geht es ruhig zu.

Einziges kleines Ärgernis ist eine Dichtung im Klo, die es nicht einzeln zu kaufen gibt. Stattdessen müsste man den ganzen Motor mit Hexler für 280 Euro tauschen. Für fünf Minuten Aufregung hat das gereicht. Ich habe es mit anderen Dichtringen zwar nicht völlig dicht bekommen, aber zumindest besser als vorher. Da muss ich nochmal ran, aber jetzt nicht. Im schlimmsten Fall muss ein neuer Motor her. Der alte ist wirklich in keinem guten Zustand mehr. Die Hülle stark verrostet, aber nach einigem Abschleifen kann man ihn immerhin anfassen, ohne rote Rostflecken an den Fingern zu haben. Ich schätze, er ist über 20 Jahre alt, da kann man schon mal über einen Ersatz nachdenken.

Jetzt heißt es erstmal warten. Macht nichts. Ich kann in Ruhe Filme schneiden, ein neues YouTube-Format ausarbeiten, dazu später mehr, seid gespannt. Es passt zum Herbst und dann steigen die Klicks auch wieder auf zufriedenstellende Werte. Keine Sorge, die Live-Geschichte wird nicht aufgelöst und es wird weiterhin normale Videos geben. Ab Mitte Ende Herbst könnte die Taktung auf ein bis zwei Videos im Monat zurückgehen, weil wir nicht unterwegs sind und kein frisches Material produzieren. Das neue Projekt wird die Lücke füllen, sodass wir weiterhin zwischen drei und vier Videos im Monat veröffentlichen können. Ein Winterding sozusagen.

Wo wir den Winter verbringen? Bisher planen wir, bis Mitte Oktober einen schönen Winterplatz zu finden. Britti geht Mitte Oktober nach Lüneburg und ich habe schon die ersten Häfen und Marinas angefragt, die auf dem Weg liegen und sich für ein paar Monate Aufenthalt eignen. Mitte März bis Anfang April wollen wir dann nächstes Jahr den Weg nach Griechenland starten. Falls Segler das lesen, Tipps für gute Winterplätze zwischen Brest und Bilbao sind herzlich willkommen. Preis und Qualität zählen natürlich.

Ich sitze auch schon an den Vorbereitungen, Gäste aufnehmen zu können, Werbung, Unterbringung, Ziele etc. Die Webseite wird ein bisschen erweitert. Auch im Januar Skifahren, mal schauen, hängt vor allem vom Geld ab. Wenn ich gehe, nehme ich auf jeden Fall einen kleinen Sauerteig-Starter mit.

Und während wir hier also noch ein bisschen festhängen, merke ich, es ist genau diese Mischung aus Ruhe, kleinen Abenteuern und dem alltäglichen Tüfteln, die das Leben auf dem Boot so besonders macht. Man sitzt fest und doch bewegt man sich weiter. In Gedanken, in Plänen, im Lachen über kleine Missgeschicke und im Staunen über diese wunderbare Küste. Vielleicht ist genau das der wahre Luxus, Zeit zu haben, die kleinen Dinge zu genießen, zu helfen, zu entdecken und ein bisschen zu träumen. Also lehne ich mich zurück, schaue aufs Wasser, höre die Möwen und denke, ja genau so soll es sein.